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Offener Brief an KV und LÄK Brandenburg

Dieses scharfe, gut ausgeleuchtete Nahaufnahmefoto zeigt einen Füllfederhalter, der von einer Hand gehalten wird, die über einem offiziell anmutenden Dokument schwebt. Das Dokument ist mit einer bunten Schnur und etwas versiegelt, das wie ein Stempel aussieht. Die Hand und der Stift lassen auf den Vorgang des Unterzeichnens oder Beglaubigens des Papiers schließen. Die Gesamtdarstellung vermittelt einen Eindruck von Formalität und Präzision. Dieses Bild könnte für Projekte zu rechtlichen Verfahren, offiziellen Vereinbarungen, Dokumentensicherheit, Beglaubigungsmethoden oder professionellem Briefpapier verwendet werden.

Offener Brief an KV und LÄK Brandenburg

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen in den Selbstverwaltungsgremien,

wir wenden uns als Verein für fachärztliche Primärmedizin in Potsdam e.V. (VefaP) sowie als niedergelassene Ärztinnen und Ärzte im Land Brandenburg an Sie. Mit zunehmender Sorge und erheblichem Unverständnis beobachten wir, wie sich die rechtlichen, ökonomischen und strukturellen Rahmenbedingungen der ambulanten Versorgung immer weiter zulasten der physischen Praxen vor Ort verschieben.

Während uns erklärt wird, dass die Mittel für die reguläre Versorgung begrenzt seien und für das kommende Jahr erneut Honorareinschnitte drohen, beobachten wir eine parallele Aufrüstung: Die forcierte Bewerbung rein digitaler Online-Sprechstunden und plattformgesteuerter Behandlungsangebote durch Krankenkassen entzieht der Präsenzmedizin essenzielle Mittel und erzeugt eine gefährliche Schieflage im System.

  1. Das Prinzip der „Rosinenpickerei“ und die Entwertung der Sprechstunde

Telemedizin kann eine sinnvolle Ergänzung sein – sie ersetzt jedoch weder die körperliche Untersuchung noch die kontinuierliche Betreuung durch eine vertraute Praxis.

 Fehlende Versorgungsverantwortung: Plattformanbieter schöpfen die lukrativen, zeiteffizienten „einfachen Fälle“ (wie unkomplizierte Arbeitsunfähigkeiten oder Routine-Rezepte) per schnellem Videokontakt ab. Die zeitintensive, komplexe und versorgungskritische Betreuung sowie notwendige Folgeuntersuchungen verbleiben vollumfänglich und unkompensiert in den Praxen vor Ort.

 Fragmentierung und Fehlanreize: Es entstehen Zugangswege ohne zusätzliche ärztliche Kapazitäten. Behandlungsdaten gehen verloren, Untersuchungen werden doppelt durchgeführt und die koordinierende Funktion der Praxen wird untergraben. Zudem schüren solche Angebote eine Erwartungshaltung („Medizin rund um die Uhr auf Knopfdruck“), die ein solidarisch finanziertes System auf Dauer weder personell noch wirtschaftlich erfüllen kann.

  1. Brandenburgische Versorgungsrealität: Demographie und Versorgungsdruck

Gerade im Flächenland Brandenburg trifft diese Fehlentwicklung auf besonders fragile Strukturen:

 Geriatrische Multimorbidität: Wir betreuen eine stark alternde Bevölkerung mit hochkomplexen Krankheitsbildern. Diese Menschen benötigen kontinuierliche physische Zuwendung, Wundversorgung, Hausbesuche und eine verlässliche Langzeitbetreuung.

 Digitale Exklusion: Genau diese betreuungsintensiven Patientengruppen werden von anonymen Plattform-Modellen nicht erreicht. Die digitale Sprechstunde bedient selektiv eine junge, gesunde Klientel – die physischen Praxen bleiben auf dem unkompensierten Betreuungsaufwand sitzen.

 Zusatzbelastung durch Notfallreform: Mit der beschlossenen Notfallreform kommen weitere Aufgaben auf die vertragsärztliche Versorgung zu. Es bleibt völlig unklar, woher das notwendige Personal, die ärztlichen Kapazitäten und die finanziellen Mittel kommen sollen, wenn die Belastungsgrenze bereits heute erreicht ist.

  1. Akuter Ärztemangel und schwindende Anreize für den Nachwuchs

Wir sollen wirtschaftlich arbeiten, Personal halten, bürokratische Auflagen bewältigen und steigende Betriebskosten auffangen, während über Honorare für einzelne Leistungen teilweise um Centbeträge gerungen wird. Wenn Krankenkassen mit Beitragsgeldern gleichzeitig digitale Parallelstrukturen aufbauen und fördern, entziehen sie den Praxen vor Ort die wirtschaftliche Basis.

Für die junge Generation an Medizinerinnen und Medizinern schwindet damit der Anreiz, sich in einer eigenen Praxis niederzulassen. Der hohe physische und administrative Einsatz vor Ort steht in keinem Verhältnis mehr zur auskömmlichen Finanzierung anonymer Digitalkonzerne.

Unsere Forderungen und Fragen an KVBB und Ärztekammer

Um die wohnortnahe, flächendeckende und persönliche ambulante Versorgung in Brandenburg vor dem Kollaps zu schützen, fordern wir ein entschlossenes Handeln und konkrete Antworten unserer Vertretungen:

  1. Konsequente berufsrechtliche Aufsicht (LÄKB):

Strikte Überprüfung und Einhaltung der berufsrechtlichen Grenzen der ausschließlichen Fernbehandlung. Wie werden Behandlungsqualität, Datenschutz, Schweigepflicht und Datenübertragung bei Plattformanbietern kontrolliert? Telemedizin darf nicht zu einem rein kommerziellen Massengeschäft degradiert werden.

  1. Transparenz und Schutz des ambulanten Honorartopfs (KVBB):

 Unterbindung von Modellen, bei denen Kassengelder in externe Plattformstrukturen abfließen. Die Steuerungswirkung und Betreuungskompetenz der Praxen müssen finanziell gestärkt werden.

Die gleichmäßige Versorgung aller Patientengruppen muss entsprechend SGB V §70 Absatz 1 medizinisch ausreichend, zweckmäßig, wirtschaftlich und fachlich angemessen sein. Ein selektives Behandlungsangebot für unkomplizierte medizinische Fragestellungen rund um die Uhr untergräbt den Gleichbehandlungsgrundsatz und schafft Fehlanreize.

Die Prioritätensetzung einer solidarisch finanzierten Krankenkasse ist zu prüfen:

Die Investition von Geld und Werbeaufwand in einen besonders bequemen Zugang zu kurzfristigen Arztleistungen – die aber nur einfache Erkrankungen bedienen kann –, wenn gleichzeitig eine verlässliche, kontinuierliche Versorgung chronisch Kranker sichergestellt werden muss, ist fragwürdig.

 Offenlegung: Welche Beitragsmittel fließen in Kassen-Apps, Plattformen, Verwaltung und Werbung? Werden diese Leistungen extrabudgetär vergütet?

 Mit welchen tatsächlichen Honorarverlusten müssen die Brandenburger Praxen rechnen und wie werden die Zusatzlasten der Notfallreform finanziell und personell ausgeglichen?

  1. Klarheit gegenüber Politik und Öffentlichkeit:

Eine gemeinsame, deutliche Positionierung gegenüber der Landes- und Bundespolitik sowie eine transparente Information der Versicherten: Welchen gesundheitspolitischen Kurs vertritt unsere KV? Wer die Versorgung im Flächenland sichern will, muss die Präsenzpraxen vor Ort stärken, statt die Zersplitterung der Versorgung durch Kassen-Apps zu fördern.

Wir sind bereit, Verantwortung zu übernehmen, konstruktiv mitzuarbeiten und notwendige Veränderungen mitzugestalten. Wir sind jedoch nicht mehr bereit, die schleichende Schwächung unserer Praxen als alternativlos hinzunehmen!

Wir bitten um eine schriftliche, konkrete Stellungnahme innerhalb der nächsten 4 Wochen. Zugleich halten wir eine offene Diskussion mit den niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen sowie eine transparente Information der Öffentlichkeit für dringend notwendig.

 

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Marion Kurzweil                                   Dr. Uwe Kalinka

Dr. Ulrich Wüllenkemper                           Dr. Kirsten Radtke

 

Der Vorstand des VefaP e.V.
Verein für fachärztliche Primärmedizin in Potsdam

BildnachweiseScreenshots zum Schreiben vom 29.10.2026
BildnachweiseScreenshots zum Schreiben vom 29.10.2026

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